Freitag, 5. September 2014

106. fortsetzung " nirgendwo "


nach einer weile fand sich ein weg. erst war ich über das stoppelfeld gelaufen. am weg entlang zog sich ein graben, der war mit entengrütze bedeckt und das schöne grün streichelte meine augen. die einöde hatte sich gewandelt. felder mit sonnenblumen kamen näher. als ich nebendran war, hatte ich immer noch den graben zur seiten. da zwitscherten wieder vögel. aus dem graben gluckste es. ich schaute nach, dachte an kröten, aber endeckte keine. unter der entengrütze wühlte etwas herum, daß sich aber nicht zeigte. "vielleicht ein wels" dachte ich, "der kann ja gehörig groß werden". "soll er mir doch geselle sein und nebenan mitziehen", sagte ich mir und schritt pfeifend dahin. der graben war breiter geworden und der wels schien nicht alleine zu sein, so sehr gluckste und rumorte es da unten. da brach etwas durch die grütze hindurch, bäumte sich auf, pferde mit einem wagen, einer kutsche, auf dem bock saß einer und hielt die zügel. alles war noch überzogen mit schlick und grünzeug, sah aus wie grüne haare. der kutscher war darin verborgen. da kam eine furt und der wagen lenkte vor mir auf den weg und hielt. die pferde bliesen die nüstern frei und dampften. nur der auf dem kutschbock wollte nicht aufwachen. doch seine pfeife kroch heraus und qualmte. "wer raucht, muss am leben sein!" schloß ich daraus und stieg hoch zu ihm, putzte ihm das grün vom gesicht und da wachte er auf, hob die hand und schruppte sich selber frei. der alte mit bart und brauen, die wie ein vorhang über seine augen wucherten, nickte mir zu. er sah zufrieden aus, gerade aufgewacht, eben noch im naß und schon trocken, wie gefönt, erstaunlich. auf der ladefläche zappelte ein fischlein im grünen geschlinge. ich wollte ihn greifen, da hüpfte er mir davon. ich sprang auf dem kutschbock und der wagen lief schon. "anton" sagte der kutscher und reichte seine hand, worin meine verschwand. "punkt karo", erwiderte ich. "hüh!" anton zog die zügel an und brachte die pferde ins traben. da zog die landschaft an uns vorbei und ich wollte nicht aufhören zu pfeifen und zu singen. anton zog ab und zu an der pfeife. so waren wir beide guten mutes und es ging voran. der wagen lief flott dahin. der tag verstrich schnell und und neigte sich, so das es dämmerte. zum abend hielt anton  vor der schenke, die da auftauchte, und führte die pferde zum trinken. ich ging voran in die stube und fragte nach einem nachtlager. an allen tischen waren leute, die laut  redeten, tranken und speisten. die wirtin wies mir einen platz und bat mich um geduld. dann trug sie ein essen weg, noch eines und so fort. ich hatte bereits eine glas vor mir und trank. das bier war frisch und köstlich. auch ich bekam mein essen, einen gulasch. "so lange kann es doch nicht dauern, die pferde zu versorgen", dachte ich und ging hinaus um nach anton zu sehen, doch die kutsche war weg. "was für ein spuk, schon wieder".die wirtin hatte jetzt zeit und ging mit mir nach nebenan, um mir den raum zu zeigen, in dem ich schlafen sollte. sie rief  kurz hinein und ein mädchen kam heraus, artig, schaute mich kurz an und blieb draußen, als mir der raum gezeigt wurde. die wirtin nahm das kind mit sich und ließ mich allein. ich machte erst gar kein licht, sondern lies mich ins bett fallen und schlief sofort ein. 



"wer raucht, muss am leben sein!" 
schloß ich daraus und stieg hoch zu ihm, 
putzte ihm das grün vom gesicht



Donnerstag, 4. September 2014

105. fortsetzung " nirgendwo "


nachdem er den hörer eingehängt hatte, ging er nach nebenan und kam mit einem gewehr über der schulter zurück. er kramte in seinem tisch und stopfte den rucksack voll. dann kam er zu mir : "du kannst gehen!, wir können dich nicht mehr gebrauchen", dann ging er entschlossen durch die tür. ich sah im hinterher. jetzt ging er langsam, rückte das gewehr einige male zurecht, bis es er sich schickte. nun machten die hände mit beim marschieren. "da geht er und muß in den krieg, der arme". ich stand auf, öffnete das  fenster ganz weit und sah, daß sich in dieser richtung nichts tat. da schien alles ruhig zu sein. "dann gehe ich dort lang!", nahm ich mir vor. ich suchte die stadt, doch ich sah sie nicht. "da sind wir ja weit weg!" ich ging einmal ums haus, um keinen richtung auszulassen. dann ich sah ich sie doch noch, wenn sie das war, dahinten, so weit weg, daß ich mich fragte wieso sie mich hier raus gebracht hatten, zu diesem auswärtigen posten. "hatten sie die reviere dort schon vorher geschlossen, war der krieg schon an die stadt gerückt?". ich kniff die augen zusammen und suchte den horizont ab. keine rauchschwaden und auch keine kampflärm. die grenze war weiter entfernt. das ist schlimm, wenn der nachbar zum feind wird, über die grenze kommt und die häuser zerschießt. ich ging wieder hinein und da das haus so still war, dachte ich mir, "dann kannst auch nachsehen, was sich hier findet". ich mußte mich ja versorgen, wenn ich weg wollte von hier. es war ausgeschlossen, daß ich in die stadt zurückkehrte. ich steckte mir die taschen mit russischem brot voll, davon war noch genügend da. "tee, ja, falls ich ihn irgenwo aufgießen kann". alle räume waren verlassen und ich fand nichts brauchbares mehr. ich goß nochmal die blume, "besser einmal mehr,  sie soll nicht gleich verdursten, wer weiß, wann jemand auftaucht". ich war wieder unsicher, "sollte ich nicht doch versuchen, zurück in die stadt zu kommen, ins theater, zu den anderen?". "du kannst anrufen und fragen", fiel mir ein. das telefon ging noch. da ich keine nummer kannte, klopfte ein paar mal auf die gabel und glaubte schon, es wäre geglückt, als ich stimmen hörte "hallo zentrale!" rief ich, "bitte, können sie mich verbinden, mit dem theater!". "ist dort jemand, der mich versteht?", fragte ich in das geschnatter hinein, "hier ist punktkaro. können sie verbinden. mit dem theater!" wiederholte ich mich. es schnatterte nur und das schnattern war mir mit einem male vertraut. "hier ist punktkaro, der freund von lana und tipsi!", rief ich aufgeregt. die rharbarerinnen schnattern weiter, bis plötzlich eine vertraute stimme sagte, "punktkaro, hier ist lana .wie geht es dir?". "lana, lana, wie ich mich freue, was ist nur los, sag doch, was passiert ist?". "ach punktkaro, es ist fürchterlich. erst waren es nur die agenten, du kennst sie ja, hast ihnen selbst erbsen verabreicht. aber jetzt ist wirklich krieg. wir rhabarinnen können nichts tun, den zu beenden.", da seufzte sie. " ich sitze hier und funke mir die finger wund". "wo bist du lana, kann ich dorthin?". ach ich sehnte mich so nach ihnen.  "wir sind im raumschiff und kreisen verborgen. wir können nur beobachten.  ich versuche die reisekammern offen zu halten. ich mußte schon einige schließen. du solltest dich auf den weg machen!". "wohin, lana, in welche richtung soll ich gehen?". "geh über die felder, weg von der stadt, lieber, lieber punktkaro". sie herzte mich mit ihren worten. "sobald ich etwas neues erfahre, melde ich mich, ich bin bei dir, lieber!. nah bei dir!". "ja, lana, ich spüre es!". 



 

die rharbarerinnen schnattern weiter, bis plötzlich eine vertraute stimme sagte, 
"punktkaro, hier ist lana .wie geht es dir?"

Mittwoch, 3. September 2014

104. fortsetzung " nirgendwo "


der polizeiwagen mußte einen umweg nehmen, da auf der hauptstraße, ein heiliger, ein guru, der auf einem blumengeschmückten lastwagen thronte, gefolgt von einer singenden menge, die straße sperrte. "gut so, das heilt", dachte ich und konnte die prozession eine weile beobachten. wir fuhren auf einer nebenstrasse, von der man hinübersehen konnte. die laternenmasten wirkten wie taktstriche, der gesang ebbte auf und ab, von der andern seite klang ein echo. die durchsage, die der fahrer unverschlüsselt erhielt und die ich mithören konnte, klang beunruhigend. alle polizeiwagen waren zur grenzsicherung abkommandiert. der feind griff an und es war höchste not. ich, der ich keine partei nehmen konnte, da ich hier fremd war, den krieg aber fürchtete, saß gefesselt auf dem rücksitz. "wo soll ich nun hin?", dachte ich. der wagen hielt schon am revier.  wir hatten die stadt hinter uns gelassen. das haus stand allein. dahinter staffelten sich felder unter den krähen. ich wurde schnell herausgeholt und hineingebracht. sie hatten mich vor den tresen gesetzt und eilten davon. ein dickleibiger polizist saß dahinter, fragte mich nichts und sagte auch nichts. "da werde ich wohl hier warten müssen", raunte ich und war froh daß sie mir die arme nicht hinter den rücken gebunden hatten. so konnte ich es mir bequem machen und streckte die beine aus. ich verbrachte die zeit damit, den dicken zu beobachten. allmählich verspürte ich hunger. "ich habe hunger. kann ich etwas zu essen haben?", fragte ich. eine antwortet bekam nicht. als wäre der raum mein gegenüber und die person nur staffage, achtete ich auf jedes geräusch. manchmal schlug ein fensterflügel und ein wind pustete über den tisch, wirbelte alles auf und schüttelte das blümchen, das dort stand. gerade war es gegossen worden. endlich sprach er etwas,  "alles was du haben kannst, ist tee und hier ist noch russisches brot, das ist alles". er brachte mir einen napf damit, eine tasse tee und nahm mir die handschellen ab.  ich bedankte mich freundlich und lobte das russische brot, das ich jahrelang nicht mehr geknabbert hatte. "knochenhart!", erinnerte ich mich, "musst es in den tee ducken" schien er zu sagen, als er mich beobachtete  und freundlich nickend bestätigte, daß ich es richtig machte. ich nuckelt am süßen harten brot herum und schlürfte heißen tee, mit beiden händen. "punkt zwölfe!", die uhr zeigte es an, quakte der lautsprecher an der wand, ein dahingesprochener appell, gealtert, wie das band von dem er abgespielt wurde, dann folgte ein das lied. der dicke stand stramm und wartete bis zum ende, obwohl keiner da war, der ihn verpetzen konnte, sollte er es versäumen, zu salutieren. "es wird ihm eine herzensangelegenheit sein, er scheint ein wahrer patriot zu sein", dachte ich und blieb ernst, um mir seine gunst zu erhalten, erhoffte ich mir doch weiterhin gute behandlung.





manchmal schlug ein fensterflügel und ein wind pustete über den tisch

Dienstag, 2. September 2014

103. fortsetzung " nirgendwo "


"punkt karo, wie sie sich nennen, einen ausweis haben sie nicht dabei?" fragte der eine. "und ihr nachbar, wo ist er? öffnen sie die taschen!", verlangte der andere und zeigte mit dem finger drauf. "die sind leer, da ist nichts drinn!", und ich griff nach der tasche, um sie in der luft herumzuschleudern, zu zeigen wie leicht sie ist, aber der schwung wurde jäh gebremst und was ich dann mit mühe nach oben brachte hatte zuviel gewicht, um es locker herumzuschleudern, zudem beulte die tasche unter ihrem inhalt. sie konnte sich unmöglich als leer erweisen. "noch ein spuk", dachte ich und lies sie fallen. "öffnen sie jetzt die taschen!", verlangte der polizist und duldete keinen widerspruch.  ich kapitulierte und zog unter den blicken aller eine tüte heraus und als ich sie hinhielt, nahm sie der polizist. die beiden, die sich ganz harmlos als ehrliche finder gaben und schon wähnten sich herausgemogelt zu haben, traten nun als wichtige zeugen und ankläger gegen mich auf  "er ist der mörder!", schrien sie und zeigten auf den kopf, den der polizist am schopf hielt, gegen alle regeln. "punkt karo, sie sind festgenommen!", ich starrte auf den kopf meines nachbarn. john lag in den taschen, das war nun klar. ich war in verdacht geraten. denn wer, außer mir konnte die taschen in den kanal geworfen haben. zwei die es bezeugten standen da und feixten. selbst, wenn bei der anstehenden hausdurchsuchung herauskam, das john tod, ein frauenmörder war, bedeutete das keineswegs, daß ich dann als unschuldig galt. man würde mir unterstellen, ich hätte ihn hingerichtet, hätte mir angemaßt, das urteil über ihn zu fällen und in gleicher weise zu vollstrecken, so wie er es seinen opfern angetan hatte.   ich selbst begann zu zweifeln, den es schien ohne sinn, daß john zerstückelt in den taschen lag, und sie trotzdem mit mir zum kanal brachte. wie konnte er das tuen, da er selbst, und da lag er, drinn war. "ich weiß nicht was hier los ist, aber ich bin es nicht gewesen!" mehr brachte ich nicht heraus, als sie mir die handschellen anlegten und mich zum wagen führten.   "armer punkt karo!" schnäuzte mir ein taschentuch entgegen und ich schaute aus dem fenster. gerade tauchte die morgenröte auf und es schien wieder ein heißer tag zu werden.




"er ist der mörder!", schrien sie und zeigten auf den kopf, den der polizist am schopf hielt

Montag, 1. September 2014

102. fortsetzung " nirgendwo "


"hey, laßt das!", rief ich den beiden zu, die nach den an der kaimauer gelandeten taschen angelten. die taschen waren nicht versunken. sie waren wohl zu leicht. mir kam es schon beim tragen so vor, daß sie an gewicht verlieren. mit jedem schritt schienen sie leichter zu werden. die da unten blickten rauf, aber kümmerten sich nicht um mich. auch, als ich nochmals rief, wollten sie nur ihre beute an land bekommen. "sollen sie doch tun, was sie nicht lassen wollen". aber jetzt, da sie mich gesehen hatten, würden sie da nicht falsche schlüsse ziehen und mich für den halten, der die taschen ins wasser geworfen hatte. "ich weiß zwar nicht, wem die taschen gehören", log ich, "aber ihr solltet lieber die finger davon lassen!". die blieben stumm, wenn sie auch kurz davor schienen unflätig zu werden. ich werde sie aus der reserve locken, "he, ich komme gleich runter und mache euch beine!" das war zuviel, einer zückte ein messer und drohte mir. jetzt hatten sie die taschen an land. ich wollte nicht mit ansehen, was sie hervorbrachten, wenn sie den reissverschluss öffneten. aber ich starrte trotzdem weiter hinab. gleich werden die leiche finden. der mit dem messer wird raufkommen und mir ein paar stiche verpassen, wenn ich nicht schnellsten verschwinde. aber als der reissverschluss offen war, da schien nichts mehr in der tasche zu sein, denn sie starrten wie in ein loch, in dem nichts zu entdecken war.   jetzt würde die hand folgen, um zu tasten. bevor der aber mit den händen hingreifen konnte, quoll heftig rauch hervor und formte sich zu einer gestalt. schon schwebte ein großer engel über ihnen. der schlug seine flügel zusammen, daß es klatschte. er schlug sie mehrmals zusammen und es klang wie donner. das kanalwasser brauste und eine bugwelle schnellte hindurch, ohne daß ein schiff zu sehen war. die welle schwappte über die kaimauer hin zu den beiden, die dort gebannt standen, wollte sie weglecken, da war der engel schon bei ihnen und hielt sie am platz. auch die taschen blieben unversehrt und der engel öffnete die, welche noch verschlossen war, daß auch hier der engel herauskam. da entfuhr der verbliebenen tasche der andere engel, der eine frau mit sich brachte, die er an der hand hielt. die engel nahmen sie in ihre mitte und stiegen mit ihr auf. die taschen standen wieder verschlossen, bei den beiden, die sie herausgeangelt hatten und die noch gebannt dastanden, den engeln mit der frau nachblickten, wie sie dort über ihren köpfen die himmelfahrt vorbereiteten. der engel der eine tiefe stimme hatte, kündigte an, "melissas himmelfahrt!", wobei melissa, mit einem strahlenkranz versehen wurde, so, daß sie nun zwischen den beiden weißen engeln glänzte und ihr gewand glitzerte. die engel stimmten zweistimmig den choral "frei ohne sorgen..." an. ich hatte meinen logenplatz, trotz der mir drohenden gefahr nicht verlassen und blieb auch noch, als die himmelfahrt vom heulen der polizeisirenen gestört wurde, worauf der gesand der engel noch mächtiger tönte. die polizeiwagen hielten hinter mir und die polizisten kamen herüber. solange die himmelfahrt stattfand, konnten sie sich  nur mit zeichen verständigen, so laut brauste der engelsgesang über uns. die beiden engel stiegen mit melissa in der mitte nicht einfach senkrecht nach oben, sie flogen kurven, formten spiralen, sprengten zur seite und stürzten von oben herab bis fast zu boden, schossen dann heran, wie die wilde jagd, melissa mit feurigen augen, die arme voran mit drohender faust. dann griff einer der engel nach der ermatteten melissa und trug sie mit den händen, zeigte melissa allen und ein letztes "frei ohne sorgen" erklang, womit sie sich verabschiedeten und wie eine rakete nach oben schossen. plötzlich war es still. "was machen sie hier", fragte einer. ich war noch im taumel des eben geschehenen und blickte ohne gleich zu antworten. ich folgte den polzisten nach unten. "was ist in den taschen?", fragten sie. die beiden, denen ich jetzt erst nahekam, zuckten die schultern,  "sind das ihre taschen?". hierbei waren sie sich nicht einig. einer sagte "ja", der andere "nein". dann sagten beide und zeigten auf mich, "der hat die taschen ins geworfen!" "nein!" sagte ich, "das war john, das war mein nachbar john tod, ich habe ihm nur beim tragen geholfen". die beiden blieben dabei, nur mich gesehen zu haben und gaben sich als finder aus, die sich einen lohn erhofften, deshalb hätten sie die taschen an land gebracht.  


die engel nahmen sie in ihre mitte und stiegen mit ihr auf

Samstag, 23. August 2014

101. fortsetzung " nirgendwo "


der trost der rhabarberin schien heute nicht zu fruchten, so sehr ich es mir auch wünschte. es gelang mir nicht, in den kahn zu steigen, und ins andere gefilde treiben zu lassen. ich schlief nicht ein. der kalte leere raum gaffte in mich hinein und lies noch kälter werden. kann es sein, das die liebe nur einmal vorbeischaut und dann nie wieder. eine weiße oblate taucht auf und zerbrach. sie war zerronnen, diese zeit. und diese zeit war stumm. es gab keinen takt darin. sie ergab sich. breitete sich aus und verschwand in der wand. ich warf die decke beiseite und stand auf, holte mir den stuhl und legte die beine aufs bett. war denn sonst niemand in diesem  haus? als am nachmittag frau palmeri mich schnatternd hierherbegleitet hatte und auch hier oben weiterschnatterte, tat sie das, die selbst niemals hier eingezogen wäre, um den kahlen dielen und schlecht gestrichenen wänden etwas lebendiges zu geben. nun war sie fort und alles jammerte. ich entschloss mich, obwohl es tiefe nacht war, durchs haus  zu gehen und mir etwas tee und zucker zu borgen, so wie es üblich ist unter nachbarn. es machte mir nichts aus, nachts zu klingeln und zu lauschen, ob sich jemand regt. ich begann gegenüber, nachdem ich das licht im treppenhaus angeknipst hatte. john tod, stand dort auf dem türschild und ich klopfte. ein licht war an. das schien gelb durch die geriffelte türscheibe. ich klopfte gegen die scheibe, schlug mit dem knöchel einen takt und trommelte mit den fingerkuppen hinterher. ich wollte den nachbarn unbedingt herauslocken. nach einer weile, ich hatte immer wieder pausen eingelegt, um dann einen neuen takt zu morsen, da rührte sich etwas. es stand jemand hinter der tür. john tod öffnete und stand mir gegenüber. er hielt die tür auf und der andere arm hing neben seiner hose, die seine beine verbarg und stattdessen selbst dastand, ein krummes tor und darüber der leib, der darauf gehalten wurde, sonst wäre er mit einem plumps herabgefallen. dann der kopf, der mich aus den augen ansah. er blickte einfach auf mich, wie auf etwas, das gerade anzuschauen war. er beeilte sich nicht damit. was ich erwarten konnte, fand ich nicht. seine augen sahen mich an und ich wußte, daß sie mich prüften, aber sie blieben lauernd in ihren augenhöhlen, blitzen nicht einmal auf, verengten sich nicht und wichen meinem blick nie aus. sie sahen ständig auf mich und schwiegen dazu. "hallo john, haben sie etwas tee für mich?", fragte ich ihn,"... und zucker?". er ließ wortlos die tür aus der hand und ging voran. ich wartete auf der schwelle, aber als er sich noch einemal umwandte, wußte ich, daß ich ihm folgen sollte. er bot mir platz an und verschwand. es klapperte nebenan und aus den geräuschen entnahm ich, daß er mich anders verstanden hatte. er war dabei, hier den tee zuzubereiten, statt mir welchen zu borgen. ich hatte platz in einem bequemen sessel und sah mich um. der ofen war gut eingeheizt und auf dem tisch neben dem anderen sessel lagen mehrere blätter mit zeichnungen, die john wohl gerade angesehen hatte. als ich mich vorbeugte, sah ich auch einen block und buntstifte. ich hatte john beim zeichen gestört. ich nahm mir das oberste blatt zur hand und betrachtete es. es war farblich angenehm in warmen rottönen gehalten, leicht erdige töne, außer dem blaßen rosa. er schien sich mit perspektive und damit mit weiten räumen zu beschäftigen, mit mauern und strassen durchzogen, die in eine richtung führten, wenn man ihnen folgte. ins unbekannte. das was sie aber bereithielten und vorzeigten waren körperteile. die lagen in geordneter weise dort abgelegt und waren voneinander getrennt. ich blickte auf den torso und rätselte, weshalb auch der rest anwesend war. da waren die beine vom körper getrennt und der kopf und die arme. alle teile waren im gleichen rosa gemalt, das vor den wärmeren  farben blass auffiel. es war dieses rosa mit dem schweinchen in den bunten comics ausgemalt waren. hier war aber der körper ein mensch. john kam zurück und brachte den tee für mich. er goß sich whisky nach und trank mit einem schluck, als würde er durst haben. er sah mich nicht anders an, als vorher. wir beide wußten, ohne daß wir es ausgetauscht hatten, seine blicke verrieten ja nichts, trotzdem bescheid. er hatte die zeichnungen nicht erfunden. ich nahm die anderen auf. alle diese zerteilten körper waren so dargestellt, das sie ruhe gaben. ich war ganz gebannt von der kraft, die aus den zeichnungen hervorkam. die blätter drückten eine große ruhe aus. dann reichte er mir, als ich ihn fragte, den block mit der begonnenen zeichnung, und ich sah einen, der raste vor wut und hackte mit einem beil nach einer frau. diese farben brannten wie loderndes feuer. ich sah zu ihm hoch und ganz kurz, wirklich nur eine sekunde, spiegelten seine augen diese wut, diesen haß. wir saßen gegenüber und redeten nicht. es gab nichts, das uns verband. wir wurden zurückgehalten und trotzdem gezeigt. "sieh, punktkaro, das ist john der mörder!". john hatte den block beiseitegelegt und ich die zeichnungen. er trank seinen whsky. ich trank meinen tee. "hilfst du mir?", fragte er und ich fragte ihn, "wobei?". "tragen", sagte er und zeigte auf die taschen an der wand. wir standen beide gleichzeitig auf. er nahm zwei taschen und ich eine. die tür fiel hinter uns zu und unsere schritte hallten im haus. auf der strasse ging er voran und ich hinterher. es dauerte nicht sehr lang bis zum kanal. john stellte die taschen ab und ich auch. er warf sie ins wasser, das dreimal dieses geräusch machte. er ging ohne sich umzusehen und ich wußte, er wird nicht mehr zurückkommen, mein nachbar.


dann reichte er mir, als ich ihn fragte, den block mit der begonnenen zeichnung, und ich sah einen, der raste vor wut und hackte mit einem beil

Donnerstag, 14. August 2014

100. fortsetzung " nirgendwo "


es war immer noch dunkel. eine maus blickte hoch und machte sich davon. ich war wach geworden, weil ich das gefühl hatte, daß sie sich unten vor dem haus heimlich versammeln und hochstarren. aber da war niemand. wäre ich im theater geblieben, hätte ich es jetzt alleine gehabt und wäre auf die bühne gegangen, um laut zu schreien. ich hatte das angebot abgelehnt, dort zu wohnen. ich wollte dort nicht arbeiten. ich wollte fern von der bühne entscheiden, ich vermied es sogar zu lesen. nichts sollte mich beeinflussen. die wohnung, die frau palmeri schnell besorgen konnte, war so trostlos, daß ich sofort einverstanden war. nun musste ich mich schon zusammennehmen, um nicht zu erstarren vor unbehagen.  ich setzte den kessel auf und wartete bis es aus der tülle dampfte. "heiß. kochend heiß", sagte ich und goß das wasser in die tasse. ich trank schluckweise. warum war es so kalt in der wohnung. es war am tag doch noch heiß gewesen. ich trat wieder ans fenster, hielt die tasse in der hand und wärmte mich daran. ich starrte hinaus, suchte die dächer ab, ob sich dort etwas bewege, ein mondsüchtiger. es schien aber kein mond. und katzen hatte ich noch nie auf dem dach gesehen. unten, auf der strasse, stand aber jetzt einer und blickte zu mir hoch. ich tarnte mich hinter der gardine und beobachtete ihn. er schien mich trotzdem zu sehen. hatte ich einen bewacher oder stellte mir jemand nach oder war es einfach nur einer, der ohne jeden grund  irgendwohin blickte und zufällig hinauf zu mir? er lies den kopf sinken, garnicht ertappt, sondern beiläufig, erst langsam und dann abrupt. er blickte auch nicht mehr hinauf, sondern zottelte jetzt langsam davon. "der weiß wohl nicht wohin", sagte ich mir und ärgerte mich, keinen tee besorgt zu haben und kaffee wird es morgen früh auch nicht geben. das unbehagen war wieder da und ich versuchte zu verstehen, warum ich hier war. ich hatte bisher nur ein stück auf die bühne gebracht. ohne einen vertrag ausgehandelt zu haben, war ich in den zug gesetzt worden, hatte die anweisungen gehört und folgte dem ruf des neuen gönners, kaum das ich dem alten entkommen war. wäre ich doch bei lana geblieben, wäre mir doch der buchhalter egal gewesen. aber lana war weitergezogen, als ich in der furche lag, vor wahnsinn glühend und jetzt vermisste ich sie. "das ist nicht gut, punkt karo" antworte sie prompt, "du warst schon frei, binde dich nur nicht an mich, mein lieber punktkaro, nein, tu das nicht. warte ab. morgen schon streiche ich an dir vorbei, einen hauch lang und mache dich wieder munter. schlaf jetzt und zieh dir die decke über den kopf".


unten, auf der strasse, stand aber jetzt einer 
und blickte zu mir hoch. 
ich tarnte mich hinter der gardine und beobachtete ihn.



Freitag, 8. August 2014

99. fortsetzung " nirgendwo "


ich machte mich gleich an die musik.  da ich keinen komponisten fand, griff ich mir das erstbeste instrument, das ich in der auslage des geschäftes entdeckte und bezahlte. ich hatte ein waldhorn erworben. ich öffnete daheim den koffer und nahm er heraus. grazil, nicht zerbrechlich, aber leicht zu zerbeulen. ich behandelte es von anfang an vorsichtig, hielt es von mir, nahm es an die brust, hob es hoch, ließ es herab. ich steckte das mundstück auf und blies hinein, ohne einen ton heraus zu bekommen. taub. stumm. mir schmerzt der kopf. dann lasse ich die musik erst einmal weg und mache mich an die geschichte. dazu bräuchte ich allerdings figuren. ich griff mir an die hosentasche und tastete nach dem messer. "kein kasperletheater!", rief ich, "eine operoperette, tatta,trara!". wenn ich doch wenigsten einen trauermarsch blasen könnte, schon. oder einen militär beschmettern, daß im die uniform abfällt. da! das erste bild. festhalten. ort. strassenbahn. akteure. friedchen, das ist gerdchens mutter, jetzt noch nicht, natürlich. ein fremder soldat in der uniform der sieger. statisten sitzen und starren auf den boden. text soldat: "katze im keller spielen mit maus". keiner rührt sich. soldat: "was lacht ihr nicht? was ist los?, der hund ist los, katze im keller spielen mit maus". friedel, in der uniform der schafferin lacht und sieht ihn an, den soldaten, der seinen kopf durch tür gesteckt hat, um sein publikum, das besorgte, zum lachen zu bringen. die blicke treffen sich. welche?. friedels und des soldaten blicke treffen sich und...ein scharfes quietschen der eisenräder im gleis. kurve. da muss jetzt eine arie hinein oder überhaupt durchkomponiert, durchgehender gesang, handlung, handlung und dann wie eine explosion....was...? das waldhorn lag im offenen kasten und krümmte sich um sich selbst, lag wie ein katze. wenn es doch schnurrte, blieb doch stumm, verlockend, das goldene horn. wenn es nicht nacht wäre. ich wünschte mir so sehr, das es bei mir zu singen begann, feierlich und edel. ich wollte dann mit ihm wieder hinaufsteigen, wie ich es einst auf kleinkerls taschenlampenstrahl sprang, einen sprung wagen auf klingende wege und die sterne besuchen. ich glaubte schon es klingen zu hören, aber es klang von fern, nicht von hier. es klang durchs offene fenster. woanders erklang ein horn und rief mich. ich spürte die sehnsucht und suchte einen weg hinüber zum fernen spieler, zum musikus, der mich herzte. zurück zur szene. nachdem der soldat, friedchen, das schönste spiegelbild ihrer selbst, hinübergesungen hatte und sie die taler aus der schaffnertasche fallen lies, weil sie meinte, es müsse so sein. die geldstücke kullerten über den boden, den fahrgästen vor die füße. wer nicht ehrlich war, stellte den fuß drauf. kann ich verstehen. jetzt nach dem krieg. friedchen hatte die tasche fast leergeklimpert, da drückte der soldat ihr schokolade und zigaretten an die brust. sie fasste seine hände und er bat sie um ein rendevue. singend natürlich. die eisernen räder der bahn beherrschten sich und vermieden scharf zu quietschen. sie bekamen es hin, einen simplen refrain zu rattern, mit einem hellen klingklang zum ende. na siehste punktkaro, fängt doch gut an, also gleich an das zweite bild. im wald. am see. eher ein tümpel. bei den erlen. der soldat liegt mit friedchen am ufer und hat erneut schokolade dabei. wurst würde nicht passen. kann ja sein, daß es wurst gab, aber passt nicht. wie soll friedchen singen mit einem wurstbrot. nein. nein. schokolade. coca cola. zigaretten. friedchen hustet. hat noch nie geraucht. er lacht. also hier muss ein ländler hin, wenn es das waldhorn will. ich sah es grimmig und es duckte sich im kasten. so bis morgen. gute nacht.



friedchen hatte die tasche fast leergeklimpert, 
da drückte der soldat ihr schokolade und zigaretten an die brust


Mittwoch, 6. August 2014

98. fortsetzung " nirgendwo "


ich merkte schnell, daß ich hier fremd war. bisher hatte ich glück und gönner, die dafür sorgten, daß ich vorankam. meine langsamkeit war mir nie zum verhängnis geworden. nun mahnte man mich schon beim empfang zur eile. ich war verspätet. lange hatte ich in den gängen des sanatoriums herumgesessen, ohne daß man mich zu ihm gelassen hatte.   so habe ich gerdchen vater immer noch nicht zu gesicht bekommen. einmal, als ich gerdchen beobachtet, fragte ich mich, wie es ihm wohl ginge, wenn er eines tages abgeholt würde, von dem fremden mann mit dem kaugummi im mund. nun sollte ich einen jungen mann treffen, gerade mal erwachsen geworden, so konnte ich ihn mir nicht vorstellen damals. gerdchen sitzt seit ein paar wochen auf der schulbank und sein junger vater, von dem er nichts weiß, im irrenhaus. ich ging wieder, denn man ließ mich nicht vor, gab keine gründe an, bat mich zu gehen. frau palmeri sagte mir zu, sie würde sich weiter um ihn kümmern und mir berichten, wenn etwas geschähe. ich eilte zum theater und meldete mich an der pforte. der pförtner drängt mich zur eile. schnell auf die bühne. leseprobe. begrüßung nicht. ruhe. regisseur schlecht gelaunt. ich ohne text. und im falschen stück. hier nun der mantel. aber kein kind. pause. das bühnenbild lediglich kunstrasen. noch so ein gemecker und das war's dann. ich schlich von der probebühne und schloß mich in der toilette ein. erst mal sammeln, punktkaro, flüsterte ich mit mir, schließlich mußt du blühen, erbärmlicher kaktus, laß dich nur nicht herumschieben. ich ging dann zum direktor, was anderes gab es hier nicht, einfach einen direktor, als wäre es eine magerinenfabrik. soll mir recht sein. freie hand, ja das werde ich verlangen. brauchte ich nicht. bekam ich auch so. "sie... mein lieber punkt karo! willkommen...und alles fein? na ihnen brauch ich ja nichts zu sagen. sie wissen ja, wie der hase läuft. haben schließlich auf dem feld gelegen und erbsen gestreut...ha!ha!...ha!". das er mich daran erinnert, an den buchhalter. eine ähnlichkeit aber, hatte er nicht. war ein langer lulatsch. ist auch egal. ich war erst einmal froh, die füsse hochlegen zu können. er erwartete nichts. es genügte ihm, daß ich da war und er war sicher, so sagte er, mir würde schon etwas einfallen. mit einfallen meinte er wohl ein stück, eine inszenierung, denn für eine rolle war nicht vorgesehen. ein operette könnte ich ihm schon liefern. wollte immer mal eine operette, selbst wenn es doch wieder nicht reicht, humor und gehüpf, kann ja immer noch als oper durchgehen. oder gleich oper, wenn es dann doch eine operette wird, um so besser.  "na, dann gehen sie erst mal ausschlafen, lieber punkt karo, war eine lange fahrt, wie ich hörte und wird schon werden, ja, ja, bin ich mir sicher". das war wohl das ende seines auftrittes. er sagte nichts mehr, sondern rutschte auf die kante, lehnte sich zurück und starrte an die decke, an der sich ein ventilator befand, der sich nicht drehte, obwohl er sollte, denn es war heiß und stickig hier.


regisseur schlecht gelaunt. 
ich ohne text. 
und im falschen stück. 
hier nun der mantel. aber kein kind. pause.

Freitag, 1. August 2014

97. fortsetzung " nirgendwo "


frau palmeri hob beim sprechen die hände. ihre schmalen finger steckten in netzhandschuhen aus weissem garn. sie trug ein ärmelloses langes kleid aus fast weissem stoff, der wie ein grosser blütenkelch von ihren schultern hing. die duftende frau palmeri hatte sehr feine finger, die hin und her zeigten, kreisten wenn sie sollten und mich ganz irre machten. ich kam garnicht dazu, ihr etwas zu sagen. ich wollte ihr sagen, daß ich auf unerklärliche weise, es war ein schrei den ich hörte, ich hörte den tobenden, als frau palmeri den namen aussprach, ich hörte ihn, nicht sie, und ich sah gerdchen, sein schrei hatte ihn mir so nahe gebracht, als säße ich neben omarie und er mir gegenüber. kein zweifel, der tobende war gerdchen vater, der gegangen war, bevor gerdchen zur welt kam. ich machte keinen versuch mehr, frau palmeri ins wort zu fallen, die dabei war die ganze geschichte zu erzählen. sie war neben den hilflosen, denn so erschien er ihr, getreten und hatte ihn beiseite genommen, weg vom schalter, den er umsonst belagerte, da er dort kein gehör fand. sie erfuhr von ihm, daß er quer durchs land einen weite reise zum besuch bei seinen eltern angetreten hatte und nun nicht weiterkonnte, weil er den zug nicht erreicht hatte, an den er gebunden war. er befand sich in einem aufgewühlten zustand, mal war er verzweifelt und starrte vor sich hin, erschreckte plötzlich einen vorbeigehenden, indem er laut bellte, dann schaute er wieder auf und redete mit ihr. frau palmeri hatte ihm versprochen seine schwester anzurufen. deshalb lies sie ihn mit dem glas wasser, daß sie besorgt hatte, zurück. als sie wiederkam, war er nicht mehr da. sie suchte ihn, aber da sie ihn nicht mehr sah, gab sie auf. sie hatte noch etwas zeit und bummelte durch den bahnhof. dann ging sie hinüber zum wartesaal, um in der nähe zu sein, wenn ich eintreffe. da sah sie den jungen mann wieder. er rüttelte am erdnussautomaten und war dabei ihn umzuwerfen. ich war nun von frau palmeris finger so in die geschichte gezogen worden, daß ich die bilder, sowohl als film, als auch, wenn ihr finger es wollte, als stehendenes bild erlebte, verstärkte sie, war der knall der pistole durchdringend, schwächte sie ab, fiel er ganz langsam zu boden. sie erzählte, daß, bevor sie ihn abhalten konnte,  bereits zwei männer an ihn herantraten, um ihn zu hindern,   doch er riss den automaten um. da griffen ihn die beiden, um in festzunehmen. er tobte so, das ein dritter dazu kam, ein polizist, der ihn nach unten drückte. da griff der tobende dessen pistole. frau palmeris rosa finger im netzhandschuh schoss dreimal. einmal streifte der schuss die stirn und riss eine wunde in die haut, dann schoss sie in die hand, die versuchte die waffe zu greifen und den dritten schuss setzte sie ins bein des tobenden selbst. frau palmeri lies ihren erhitzten finger sinken und schwieg. "wo ist er, um gotteswillen, wo haben sie ihn hingebracht?" fragte ich sie.



frau palmeris rosa finger im netzhandschuh schoss dreimal

Mittwoch, 30. Juli 2014

96. fortsetzung "nirgendwo"


ich hielt nach dem erdnussautomaten ausschau, an dem ich frau palmeri treffen sollte. das theater hatte sie geschickt mich abzuholen. der automat an der wand des wartesaales,  unter dem hohen dach des bahnhofs, war ein schrank und bot frischgeröstete erdnüsse. gerade war er wieder aufgestellt worden. ein tobender hatte ihn zu boden gerissen. nüsse lagen zerstreut, es herrschte aufregung.  frau palmeri hatte mich entdeckt und streckte mir die hand entgegen. "was ist denn hier los?", fragte ich. sie zögerte, wollte sich selbst noch beruhigen, suchte nach worten.  "als ich am schalter die nachricht für den zugschaffner hinterlassen wollte, er hat es ihnen ja ausgerichtet, wo wie wir uns treffen sollen, störte ein mann, redetet dazwischen, nur halbe sätze, zwischendurch unverständlich, begann zu weinen, bat immer wieder und wiederholte sich, "ich kann ihm nicht helfen" und auf nachfrage sagte er einen namen "gerhard".  da sah ich sofort gerdchen auf omaries schoß sitzen, sicher und behütet, weit weg, auf der anderen seite der welt. meinte er dasselbe kind oder fühlte ich falsch. war er der verzweifelte, der erfahren hatte, das sein gerdchen nun in die schule ging, eine zuckertüte im arm hielt und er nicht dabei sein konnte. frau palmeri hatte weitererzählt, aber ich schien nicht zugehört zu haben, denn sie meinte, mich wecken zu müssen, obwohl ich alles hörte und mir vorstellte. er hatte seine drei kleinen mädchen verabschiedet, er wollte seine eltern besuchen, hatte den zug zu früh verlassen, und verzweifelte jetzt, wollte gerdchen helfen und konnte es nicht. frau palmeri griff mich am arm, "soll ich weitererzählen?". "ja. entschuldigung!, ich dachte gerade an etwas, das mich sehr berührte". 









  frau palmeri hatte mich entdeckt 
und streckte mir die hand entgegen. 
"was ist denn hier los?", fragte ich

Samstag, 19. Juli 2014

95. fortsetzung " nirgendwo "


der zug hatte den tunnel verlassen. ich saß neben einer jungen frau, die dabei war brote an ihre drei mädchen zu verteilen, die brav gegenübersaßen. sie bot mir auch ein brot und ich nahm es dankbar an. ich hatte einen mordshunger und biss hinein. die mädchen schienen beeindruckt und bissen auch ab, als wollten sie mich nachäffen. wir lachten und es wurde eine fröhliche morgenstunde. draußen wurde allmählich tag und der zug hatte nur noch ein paar stunden zu fahren.


ich hatte einen mordshunger
 und biss hinein. 
die mädchen schienen beeindruckt 
und bissen auch ab

Donnerstag, 10. Juli 2014

94. fortsetzung "nirgendwo"


nichts in mir klang noch so wie punktkaro. ich hatte die fassung verloren und werde auch punktkaro verlieren. mein geständnis, das nur andeutete, reichte. er wird sich seinen reim darauf machen  und mir seinen namen entziehen, so daß ich keine rolle mehr spiele. aus mit dem theater. ende der tournee. längst hat er telegrafiert. die plakate sind abgehängt. die vorstellung fällt aus. der darsteller ist erkrankt. die direktion bedauert. ich hielt den kopf in den händen und hätte ihn verloren darin, wäre er mir vom hals abgegangen und hätte ich auf wunderbarere weise kopflos, dies auch noch mitbekommen. ich balancierte ihn schon auf einer hand, da schreckten mich schritte auf. ich hielt mir die hand vor die augen um nichts, garnichts zu sehen. ich wollte jetzt niemanden ansehen. sie stand nah bei mir. ihr maiglöckchenduft hüllte mich ein. ihre finger unter meinem kinn griffen und tasteten sich in die position, die nötig war, um meinen kopf aufzurichten. das garn der netzhandschuhe drückte sich in die weiche kuhle und blieb dort spürbar. eine scharfe grenze, einschneidend, zu ihrer verborgenen hand. es waren die gehäkelten fäden, denn ihre hand spürte ich nicht, die ausreichend deutlich machten, indem sie sich schärfer eingruben, ich solle den widerstand aufgeben und den kopf heben. das tat ich sehr langsam, weil ich so geführt wurde. sie bestimmte den grad des nachgebens.



.........ich solle den widerstand aufgeben
 und den kopf heben. 
das tat ich sehr langsam, weil ich so geführt wurde 




Sonntag, 6. Juli 2014

93. fortsetzung "nirgendwo"


die vorstellung, ich könnte wieder meine fassung verlieren, quälte mich die ganze fahrt. ich wollte mich nicht erinnern, um mir nicht einzugestehen, das ich der war, den ich um sich schlagen sah. ich habe es manchmal bei anderen gesehen, und war angewidert. dann redete ich mich heraus und hoffte trotzdem insgeheim, daß es überall geschehe, alltäglich und ich nur etwas gewöhnliches getan hatte, so wie die anderen. aber so war es nicht. im gegenteil. obwohl das gemeine über den bildschirm kam, teil des theaters war, fand es in meiner umgebung nur selten statt. ich bekam es kaum zu gesicht. so war ich allein das gemeine und deshalb geflohen. ich hatte mir auferlegt und es gelang mir, abstand zu nehmen, aber für den preis, einsam zu bleiben. so war ich der geduldige, der nicht mehr den zauberwald betrat, den ich mich ausgedacht hatte. ich danke dir, das du ihn mochtest und mit mir hingegangen bist. nun begegne ich dir nicht mehr und habe kaum noch ein bild von dir. aber ich weiß, das ich punktkaro bin, der nichts mehr will. die räder hämmerten mir im kopf, schrien in den weiten kurven. kein halt mehr. nur noch rasender zug, kein station mehr. tunnel. 



die räder hämmerten mir im kopf, schrien in den weiten kurven


Donnerstag, 3. Juli 2014

92. fortsetzung "nirgendwo"


ich sah meinen zauberwald weit entfernt leuchten und konnte ihn nicht mehr erreichen. was ich für ein fernes fenster hielt, ein nicht gelöschtes licht im zimmer, war der zauberwald, der plötzlich wieder auftauchte, dort in der ferne gaukelte, die zeit die ich mit dir ihm zauberwald lag, dort war sie gegenwärtig. warum rannte ich jetzt nicht, warum bohrte kein schmerz in mir und gab mir noch einmal etwas willen. nicht der zauberwald entfernte sich, er blieb an der stelle, wenn ich jetzt stehen blieb und schwebte vor mir her, wenn ich ihm folgte. als ich dich berühte sang er, klirrte,zitterte in allen ästen. die tassen standen auf wackelnden tischen, ich verschwand und tauchte wieder auf. wortlos fast, auch kleine scherze, aber lieb, nein, du warst lieb, ich hatte schon gelogen. doch du warst garnicht böse mit mir. hab ich dich damals schon so traurig gemacht? ja. "es gibt keinen zauberwald. ich gewährte dir garnichts. du solltest. ich wollte das du es tust. ich bin nicht unschuldig. ich schäme mich nicht. bin keine zarte im zauberwald aufs moos gelegt. nein. fass mich doch an". ja. ich hauchte dir ins ohr. du zitterst, du zerbrichst. "du zerbrichts". weiter. "warum weiter. ist doch blödsinn. du siehst mich doch garnicht mehr". ich hatte vergessen, wie sie aussah. irgendwann werde ich ankommen. es macht mir nichts aus. einen fuß noch, einen schritt. hoppla. kicherst du? "ich muss lachen, wenn du mich so ansiehst" ein hirngespinst. ich konnte wieder riechen. die straße wurde breiter und ich roch die tannen. es hatte geregnet. es gab keine ferne mehr. ich war da. und es war der eingang zur untergrundbahn, der zwischen den tannen herausleuchtete. ich stieg in den gerade eingefahrenen zug. da war ein platz und ich setzte mich. als die tür schloß, dachte ich an eine große schildkröte. es ruckte, die eisenräder quietschen. sicher sprühen sie funken, aber nur funken, wird schon nichts passieren. dann schlief ich ein.




"es gibt keinen zauberwald. ich gewährte dir garnichts. 
du solltest. ich wollte das du es tust. 
ich bin nicht unschuldig. ich schäme mich nicht. 
bin keine zarte im zauberwald aufs moos gelegt. nein. fass mich doch an"

Mittwoch, 11. Juni 2014

91. fortsetzung "nirgendwo"


ich war in eine ruhige straße geraten. es war dunkel, aber da schien der mond darin wie eine laterne. es war warm, aber da strich von der seite ein kühler hauch zu mir hin und faßte mich an. vor meinen füßen lagen blätter und zweige. ich bewegte mich erleichtert. die bühne hatte ich verlassen und der applaus war vorüber.  er hallte kaum noch nach. ich konnte in die stille eintreten. nichts hinderte mich. die fenster, an denen ich vorbeiging, waren dunkel und als ich sie ansah, starrten sie nur. ich fühlte trauer. dahinter auf den lagern ruhten die fremden, von denen ich nichts wußte. und die fenster wachten über sie. starrten immer noch herüber, ob ich etwas tue oder sage. einmal versuchte ich sie mit einem pfiff zu locken, traute mich dann aber doch nicht und hielt ihn zurück. die straße hinab, weit hinten, schien aber ein fenster erhellt. es schwänzelte, weil ich schwankte. ich schaffte es nicht, mich ihm zu nähern. es schien in bewegung, gleichschnell, denn es hatte sich nichts getan, obwohl ich schon ein weile ging. es blieb in der ferne, flackerte mal, aber sonst geschah nichts.   



dahinter auf den lagern ruhten die fremden, 
von denen ich nichts wußte. und die fenster wachten über sie

Samstag, 19. April 2014

90. fortsetzung "nirgendwo"


es knallte. ich sprang zur seite. es war keine peitsche, die geknallt hatte. ich sah einen riss in der haut. aus dem riss quoll eine zähe weiße milch. sie tropfte zu meinen füßen und bildete ein pfütze. aus der pfütze sprang ein hase, den ich bei den ohren bekam und festhielt. er zappelte heftig, aber ich hatte ihn und zwang ihn still zu sein. ich hockte mich auf die erde und nahm den hasen fest an mich, deckte ihn mit der jacke zu, die ich noch hatte und versuchte ihn stillzuhalten. "ruhig, hase, sei doch ruhig". nun wartete ich, denn ich wusste nicht, was ich mit dem hasen anfangen sollte. ich könnte ihn laufen lassen. aber er war der einzige, der mir erschienen war, wo nichts war außer haut und flitter, der sich verfangen hatte, nichts dort zu suchen hatte und nun festgehalten wurde, wie ich den hasen festhielt. doch der lebte, war warm und sein herz schlug gegen die wand. die haut aber war kalt. da knallte es wieder und wieder und jedes mal quoll der dicke saft heraus und tropfte zu boden. pfütze um pfütze, bis sie zusammenflossen und ich am verbliebend fleck noch, aber nicht mehr lange verschont blieb, von der leckenden dicken flut aus milch. ich begann schon den hasen anzustarren, sein bild zu bannen, seine schönheit zu ergründen, da fielen die zerplatzen häute von oben herab in die pfützen. die dunkelheit öffnete den vorhang und alle schauten auf die bühne, auf der ich den hasen unter der jacke nicht mehr halten konnte. er entwischte und ich sah ihm nach. nun wollten sie mehr, den der applaus wollte nicht enden. artig machte ich einen diener nach dem anderen und blickte nach den seiten, ob sich dort etwas tat, erwartete das sich die mitspieler erbarmten und herauskamen. aber niemand kam. auch der hase nicht. also erinnerte ich mich an ein  lied, das ich früher einmal vorgetragen hatte. ich fing an und kaum klang die melodie zu ihnen herüber, erreichte die aufgewühlten herzen, da jubelten sie um so lauter und stimmten ein. noch einen diener und der vorhang fiel. auf der bühne ging das probenlicht an und ich hörte sie noch ein weile, ihre versuche, mich erneut hinauszulocken, aber ich blieb wo ich war, in einen alten polstersessel und streckte die beine von mir und pustete vor erleichterung und weil ich wieder zurück war in der welt, wenn auch erst mal nur auf der bühne. ich beschloss zu warten, bis sie gegangen waren und hoffte, daß das licht anblieb und ich irgendwie den ausgang zu stadt fand. es war sicher abend und das publikum hatte es verraten, als es nach maiglöckchen duftete, ja es war mai.



die dunkelheit öffnete den vorhang 
und alle schauten auf die bühne, 
auf der ich den hasen unter der jacke nicht mehr halten konnte

Mittwoch, 9. April 2014

89. fortsetzung "nirgendwo"


kaum waren die kinder gegangen, brachen die bläser ab, ließen die instrumente rülpsen und knattern. ein kalter wind wehte durch die geöffneten fenster. die lichter waren ausgegangen. das fest zünde  im fahlen licht sah ich den bürgermeister aus dem becken steigen. er fand nichts, in das er sich einhüllen konnte und als er mich erblickte zauderte er, kam dann aber auf mich zu und stand zitternd und nass vor mir. "was soll das nur?",  fragte ich und sah traurig auf den fetten mann, der die sprache verloren hatte und mit offenem mund versuchte einen ton herauszubringen, wobei er mit dem finger auf mich deutete und um meinen mantel bat, an dem er zupfte. ich gab ihn her und ging ohne abzuwarten fort. das schloss war kalt und leer. ich floh, eilte nach draußen und sah die verfluchten mauern ein letztes mal an. nie mehr wollte ich hierher kommen. in der ferne spielte die band wieder und auch mich zog es dahin, in die ferne. ich schwang mich auf und ganz mühelos bewegte ich die schwingen. ich drehte mich unter den bauch des tieres und flog mit ihm. da erschien mitten im himmel ein tor aus stehender durchscheinender haut. sie schien flüssig, wie wasser, aber zerfloß nicht und strahlte. darin hingen kleine fetzen, die kostbar glänzten und schillerten. ich verließ das tier, das mich sanft zu boden gelassen hatte und stand nun allein vor dem tor. 



"was soll das nur?",  fragte ich 
und sah traurig auf den fetten mann, der die sprache verloren hatte 
und mit offenem mund versuchte einen ton herauszubringen, 
wobei er mit dem finger auf mich deutete und um meinen mantel bat

Mittwoch, 19. Februar 2014

88. fortsetzung "nirgendwo"


die kinder wurden geschruppt. die köchin, die das küchenpersonal angewiesen hatte, an ihrer stelle die töpfe zu füllen, stand jetzt an der wanne. jedes der kleinen wurde eingeseift und mit hand und lappen heftig abgerieben, bis jedes ärschlein rot war. "wie die krebse", rief sie, "meine kleinen krebse. ich koch' euch noch" drohte sie. doch es wurde nicht so heiss gebadet. die frechen jungen, die mich gejagt hatten, durften herumschreien und toben, soviel sie wollten, solange sie sich schruppen liessen. nackt stand sie um den zuber herum und erst als alle trocken gerieben waren, steckte sie die köchin ins lange weisse nachthemd. ich stand derweil, mit dem schloßherrn im gespräch, vor dem saal, der demnächst geöffnet werden sollte. "ihre hose kann sich aber nicht mit meiner messen, viel zu weit!", meinte er und griff mir hinten an den bund, zwirbelt so lange daran herum, bis es zwischen den beinen kniff und ich schmerzhaft erinnerte wurde, welches geschlecht ich da hängen hatte. ihm schienen die engen hosen nichts auszumachen. er strahlte und unter der hose zeichneten sich dinge ab, die ich lange nicht mehr bemerkt hatte, weil sie meist verborgen blieben und ich das badehause schon eine weile nicht mehr mit anderen geteilt hatte. "ist die hose erst gerichtete...", er verlangte in diesem moment nach dem schneider, "...dann strahlen auch ihre nüsse wieder, punkt karo, von dem schönen popo habe ich noch garnicht gesprochen, ja ganz entzückend!. wenn man schlank ist, sollte man es auch zeigen". er winkte den schneider herbei und der begann an ort und stelle mich einzunähen. durch die engen hosenbeine strömte die jugend herauf und ich dankte dem schloßherrn für die anteilnahme und die dem schneider für die operation. gerade als ich mich in der engen hose eingerichtet hatte und stolz die brust mit luft füllte, vom zwerchfell gestützt, einige schritte machte, als hahn, da öffnete der saal und es ging los. das blech schmetterte zur gleisenden helle, die aus dem saal förmlich heraustrat, den eingang erfaßte und wie ein sog die leute hereinzog. da stand ich auf dem honiggelben parkett und wurde, durch die roten kordeln auf beiden seiten, des weges gewiesen. das erklärte sich, da ein schauspiel geboten wurde, das ein gewisse distanz verlangte, sonst hätten sich alle akteure vermischt und keiner hätte sich einen reim auf das geschehen machen können, das in des saales mitte geboten wurde. die tompeten unterstüzt von den fluegelhörnern spielten nun feierlich, sehr sanft klang es aus den flügelhönern. alles publikum war nun im saale. da wurde es leise, die musik pausierte und ein brummen wie von einem bienenschwarm, der sich zum selbstmord in den süßen linden versammelt hatte, hielt an und als ich nach den bienen suchte, die hier keine bäume hatten, waren es garkeine bienen, sondern etwas anderes unbekanntes. es hatte auch flügel, aber die waren weiss und eigentlich sah ich zuerst nur ein durcheinander von rosa und weißen punkten, dazwischen blitzte es golden hindurch, aber nur weil die instrumente der bläser fast ganz von dem gewimmel überdeckt war, so daß sich auch das goldene metall nur in punkten zeigten. als der himmel gefüllt war, begannen sie sich zu nähern und hatten gefallen daran, meine nase zuerst zur landung zu nutzen. ich war milde gestimmt und schlug nicht nach ihnen, sonst hätte ich sicher einige zerquetscht. sie dankte es mir nicht, sondern rutschten, eins nach dem anderen, mir den nasenbuckel herunter. als sie nun im blickfeld verharrten, konnte ich ausmachen, was das war. engel waren es, so winzige das fünzige von ihnen auf einmal auf meine nase passten. ich suchte nach einer lupe und bekam auch gleich ein gereicht, denn der schlossherr befand sich noch in meiner nähe und hatte selbst eine in der  hand, "sind sie nicht süss, die racker, so kleine ärschchen!, das uebertrifft keiner. schau punkt karlo, die engelchen, schau sie dir genau an, und was für spaß sie haben!". gerade war ihm wieder ein schar über die nase gerutscht und quietschend gefallen, um das zum flug umzukehren und sich wieder, bei den abertausend anderen, unter dem himmel zu versammeln. dort blieben sie, denn die bläser machten jetzt soviel wirbel, das sie angst hatten in die trompeten zu abzustürzen. dafür schossen sie jetzt von dort oben herab ihre pfeile und die gesellschaft wurde immer munterer und fröhlicher. da war es soweit und der schlossherr trat hervor um den vorhang zu lüften, der bis dahin das basin verbarg, das in der saalmitte eingelassen war. "wie jedes jahr begrüßen sie mit mir, hier an dieser stelle wieder, unsern buergermeister, der sich, wie es der brauch will, ganz nackt im bade zeigt, als zeichen, das er sich nichts in die taschen gesteckt hat". wohlwollend blickte er hinüber und grüßte den nackten. der mann, der da im basin sass war, wie ich gerade hörte, der bürgermeister, aber hier er war nur der einzige nackte, ein dicker mann, der dort saß, ohne begeisterung. er schaute um sich, als säße er am schreibtisch und wartete auf die aushändigung jeglicher schreiben, die er bearbeiten sollte. er saß da auf der stufe und lies sich von dem schwarm fischen, die mit im becken waren, beknabbern. so gesehen, war er doch hier und da eingehüllt und es hatte auch den anschein, daß alle nur auf den teil schauten, der aus dem wasser ragte, das waren die schultern und der kopf. nachdem der bürgermeister begrüßt war, er war nicht aufgefordert selbst zu reden, wurden wieder die trompeten geblasen und durch die tür erschien angeführt vom schlossherrn, die schar der frisch geschruppten kinder. sie marschierten im nachthemd zum bürgermeister, grüßten ihn, indem sie "bürgermeister" riefen und sich an die stirn tippten. der schlossherr lies nun auch die kinder, die vom dorf hochgekommen waren, von ihren eltern begleitet, einmarschieren. auch sie waren geschruppt und ihm nachthemd. in einem der kinder, es war mit einer alten frau gekommen, erkannte ich den kleinen gerhard, dann musste die frau, omarie sein. ja sie war es. ich wunderte mich sehr, sie hier dabei zu sehen, sollten sie denn nicht weit weg sein, dort hinter der grenze. jetzt waren sie aber in meiner nähe und ich sah auf das kleine gerdchen, das von der hand der omarie lies und mit den anderen kindern das becken mit dem nackten buergermeister umringte. was soll das werden, überlegte ich und sah wie jedes eine angel bekam, die mit einem lot beschwert zu wasser gelassen werden sollte. das lot war ein magnet und im wasser verborgen lagen geschenke, die es herauszufischen galt. so wurde es munter um den bürgermeister herum, dessen nacktheit keiner mehr wahrnahm, dagegen beteiligten sich alle mit aufmunternten zurufen, wenn das päckchen von der angel fiel und wieder die angel hin und her suchend über dem grund zappelte, ja das sollte sich nicht, "nicht so heftig, gerdchen!", und gerdchen sah zu mir herüber, "mit gefühl! nicht so zappeln", und dann hatte gerdchen sein paket und strahlte. .


so wurde es munter um den bürgermeister herum, 
dessen nacktheit keiner mehr wahrnahm, 
dagegen beteiligten sich alle mit aufmunternten zurufen, 
wenn das päckchen von der angel fiel

Dienstag, 4. Februar 2014

87. fortsetzung "nirgendwo"


ich stellte mir vor, daß ich die zeichen nicht mehr verstehe. ich sah mich, die zeichen anstarren, die keine bedeutung mehr besaßen, da ich sie nicht verstehe. schon die worte erschienen mir widerspenstig, weigerten sich, die gestalt zu benennen und zu beschreiben, die ich kaum wahrnahm, mir mit viel mühe vorstellen mußte und dann nicht betrachten konnte, weil sie sich wieder entzogen hatte. letztenendes waren es gefühle und ahnungen, dazwischen ablenkungen, wie jucken, einschlafende beine, die mich störten. denken oder schlafen. am besten schlafend ins buch fallen und durch die seiten sinkend bald schweben. das aufgelöste bodenlose buch, eine welt, die inbegriffen vor dem verstand flieht, der sie jagt und zurückbringen will ins faßbare, in diese laute, die sich kaum unterscheiden, wie gemurmelte gebete, immer dasgleiche nennen und es doch nicht meinen. schon verzweifelt, gelang es mir, doch noch mut zu fassen, denn nun war eines der worte von nöten, da mir der hausdiener die einladung zum fest überreichte. "danke", sagte ich und nahm die karte entgegen. es war nicht das "ross und reiterfest", zudem ich geladen war. dem hatte mich selbst beraubt, als ich aus dem lande floh, um mich jenseits der grenze wieder einzusammeln, zerschlagen und müde. es war die einladung hinauf ins schloß, drüben auf dem berg, wozu es einer überfahrt  bedurfte, die aber, da der  see noch zugefroren war, ausfiel. stattdessen ging es zu fuß, schritt für schritt dem ufer entgegen, das sich aber kaum näherte. ein weiter weg stand mir bevor und ich besann mich der jugend,  schlitterte voran, zunehmend sicherer, so daß es doch noch eine wilde fahrt wurde. ich hatte rote wangen, so brannten sie mir, als ich auftaute, nachdem ich eingelassen wurde. "marie foppt mich", dachte ich, da ich sie nicht sah, obwohl ich mir sicher war, das sie mir die karte überreichen lies, die ich schon abgegeben hatte und nicht mehr nachsehen konnte, in wessen namen ich hergebeten war. als ich meinen bärenpelz, den mantel, das geschenk von marie, sie hatte ihn mir morgens aufs zimmer bringen lassen, wohlwissend wofür ich ihn brauchen werde, der garderobe überlassen hatte, stand ich in schillernden blauen hose da, die ich mir nicht angezogen hatte. auch den rest meiner kleidung kannte ich nicht. nein, so war ich nicht eingekleidet, als ich das hotel verlies. ich war eingehüllt in fremden stoff und befand mich unter fremden, die angeregt plauderten, amüsiert schienen, denn die hellen lacher war gut gesetzt. auch kinder tobten und tummelten herum, ritten ihre kleinen pferde, die brav blieben. die mädchen veralberten die jungen und die dankten es, indem sie sich an mir schadlos halten wollten und mir bohrende fragen zuriefen, drohend zu mir herüberritten, mich flankierten und schon zum ausgang drängen wollten, als eines der mädchen, älter schon, mit langen gebundenen haaren, mit roten schleifen daran, ihnen zurief, "laßt punkt karo in ruhe, sucht euch doch den bürgermeister" und  verschmitzt lächelte. die jungen waren davongeritten, den mädchen gefolgt, in die richtung, aus der vorher der geruch drang, der mir apettit machte. dort verschwanden sie nun unter aufsicht in der küche. mir knurrte der magen, nach dem gang über das eis.



als ich meinen bärenpelz, den mantel, 
das geschenk von marie, 
sie hatte ihn mir morgens aufs zimmer bringen lassen, 
wohlwissend wofür ich ihn brauchen werde, 
der garderobe überlassen hatte, 
stand ich in schillernden blauen hose da

Freitag, 24. Januar 2014

86. fortsetzung "nirgendwo"


die nacht über regneten wir uns aus, über dem land und über dem wasser. der schwarze regen lagerte sich auf allem. manchmal wischte man trotzdem über die fläche, legte den boden frei, bevor er wieder zufiel. die verrußten scheiben standen vor der mittagssonne. draußen schmolz der schnee, der schwarz dahinfloss  die raben sah ich nicht mehr. die schwarze marie schöpfte die brühe eigenhändig aus dem kahn, der immer noch dort angeleint da lag. ihr pelz hing wie nasses gefieder an ihr herunter. als er ihr zu schwer wurde,  streifte sie ihn ab.  wir wälzten uns in einer kuhle  im schlamm und verkrumpelten uns, bis wir schliesslich voneinander abliessen und mitten im schlamm klares wasser fanden. ein kleines diamantklares rinnsal teilte uns mitten durch, wie ein scharfe klinge. die schwarzen hälften fielen auseinander und schmolzen dahin, wie der schnee schmolz. marie wartet ab, bis der schmale fluß sich über sie erhob und prustete das wasser, das eindrang, heraus. ich auch. wir streiften die sachen vom leib und wünschten uns badeanzüge. die wurden gebracht. es eilten diener herbei. ein karren voller melonen stellte sich auf. radios gingen an. ein waldhorn blies wie verrückt. wir tanzten. dann wurde gegessen. die jahre vergingen. das alte jahrhundert tickte. marie trug einen weissen fuchs um den hals auf der schulter. hoh!. bald nach dem kaiser. die fahnen und das blech. die maibowle und der jubel. frenetisch. ich hielt mir die ohren zu. nicht so laut. dieses jahrhundert ist mir zu laut. und doch mußte ich hier aussteigen. "hat der rabe dich gebracht?". was meinen sie damit? ich weiss nicht, wem ich glauben soll. ich habe angst und friere. das kohlenkind liegt hustend im bett. die scheiben mit eisblumen versehen. nun sagt mir keiner, "liebling klein", nur "hoppe hoppe reiter", und nur am tag, wenn's lustig ist, auf dem roten sofa von marie, meiner omarie, die hat den opapa, der raucht zigarre. am radio ist ein grünes auge, er dreht ein wenig und es leuchtet. dann ist es weg. dann wieder da. ich lege den füller zur seite. ich wechsele die marie. ich zahle für die marie den kaffee. denn heute morgen bekommen wir einen, hier, wo wir gestern nicht bedient wurden. marie sagt mir adieu und kritzelt in mein buch. "der punkt karo war nett zu marie", steht jetzt da, und passt doch garnicht in dem text, nachdem opapa am grünern auge hofft, "tor...!, tor..! wir starren gebannt auf das radio.  omarie kocht schon das mittagessen und das fenster  zum garten steht offen. es ist ja mai, schon mai. "bis bald marie!", und marie im pelz verläßt mich schon. sie zeigt sich gehend noch einmal wendend und blickt mir auf die hand, die noch den füller hält, der dichtgehalten hatte. sie lächelt, schmollt und wieder lächelnd tanzt ihre hüfte aus der tür hinaus. "kling" macht die türglocke. "marie, ach, marie!". aber so ist es nun mal, mit meiner marie und meiner lieben omarie.


Mittwoch, 8. Januar 2014

85. fortsetzung "nirgendwo"


es wurde wieder laut und geschäftig. die kellnerinnen eilten zu den tischen zurück und warteten artig, bis die herrschaften sich erklärt hatten. keiner hatte mitgefühl mit ihnen, sie hätten es sicher abgestritten, wenn man sie gefragt hätte, ob die den raub mitbekommen hätten. nur an unseren tisch kam niemand. wir saßen hinter einer scheibe aus irgendetwas, da konnte ich hindurchgreifen. ich fühlte  noch nicht einmal, daß da etwas war, das uns abtrennte, unmöglich machte, so daß kein kuchen und keine getränke auf den tisch kamen, auf dem mein buch lag, noch immer aufgeschlagen und unbeschrieben, der füller immer noch in der tinte. "bin ich noch schwarz?" fragte ich sie und hätte gern ihren namen genannt. "ich heisse marie!". sie streckte mir die schmale hand hochkant entgegen und schob sie an den leeren seiten des buches vorbei über meinen handrücken hinweg. wir hatten uns verfehlt und sie prustete vor lachen, als sie in meinem ärmel landete. "es ist schön, so glücklich zu sein". "und du bist noch schwarz, schwarz wie die nacht mein freund, sieh mich an!". ich blickte in ihre tannengrünen smaragdaugen, ihre lippenstift brachte das mäulchen heraus, aus der unfassbaren schwarzen gegend. eine kohlenhalde, ein sammtanzug, eine seidene fläche, glitzernde messingknöpfe, klingende schellen am bein. "marie das ist wunderbar!". "ja das ist!, und nun, fliegen wir davon!. komm du federtier!". ich öffnete meinen tintenschwarzen schnabel und krähte. mein mantel flatterte im wind und neben mir spürte ich ihre schwingen. meine marie, meine rabenfrau, flog neben mir. wir flogen über den zugefrorenen see, wo die schlittschuhe noch kurvten und laut im eis scharrten. ein kindchen strauchelte und plumpste auf's eis. als es weinte, zeigte die frau, die es aufhob, zum himmel hinauf, zum hellen mond, um das kleine zu trösten. da flogen zwei raben vorbei. marie und ich.