Freitag, 12. Juli 2013

57. fortsetzung "nirgendwo"


die fliege nervte noch immer, da klingelte das telefon.  kleinkerl war in der leitung. "wieso bist du weg?", fragte er. "wo bin ich?", fragte ich. "wohl bei dir", sagte er. "wahrscheinlich", sagte ich, "aber wieso?".  wir lagen friedlich im gras, erinnerte ich mich. ich schnupperte gerade etwas feinen nebelschwaden, so frisch, und dann? "bin ich eingeschlafen?". "ja, dann hast du schlecht geträumt".  "ich dachte, ich komme nie mehr nachhause und wurde ganz traurig". "so wahr es, du bist abgestürzt, klarer fall, du fielst aus allen wolken". aber wohin? "kleinkerl, ich weiß garnicht mehr wie ich heiße?". "dann geh' doch mal vor die tür und sieh nach". "wo denn?". "auf dem klingelschild". ich ging vor die tür und sah auf das schild. "punkt karo", las ich vor, "kenne ich nicht". gerade jetzt ging die tür des fahrstuhls auf und das mädchen, das herauskam, grüßte, "wie geht es ihnen?, herr karo". sie erwartete keine antwort, ich hatte das telefon noch in hand, und ich nickte ihr zu. "sie hat mich erkannt", sagte ich. "siehst du, dann bist du zuhause. wenn ich in der gegend bin, schau ich mal vorbei", sagte kleinkerl und hatte aufgelegt. auf dem bett lag noch die zeitung mit dem bericht, in dem ich nicht vorkam. es klingelte an der tür. "ich dachte du wärst schon drüben", sagte sie und sah mich nachdenklich an, "wolltest du nicht längst drüben sein?". "wo soll ich sein?", fragte ich und versuchte mich zu erinnern. wer war das, da vor der tür. sie hat ähnlichkeit mit lana, ja sie ähnelte der rhabarberinn, die ich anhimmelte, als ich noch in der pension dürr zu sein glaubte, sicher war ich mir nicht mehr. habe ich nach dem lesen des berichtes in der illustrierten geträumt?, mich nur im traum dort geglaubt?t. ich hatte ihre anwort überhört, "in deiner loft!" brüllte sie. "nicht so laut!". "bist du schwerhörig?". "nein, ich hatte nachgedacht".
ja das war lana, nur, daß sie jetzt irdisch erschien, das haar grün und die strümpfe lila, dazwischen sonnengelb, einen schirm aus batist und spitze, enge dünne handschuh, dunkelgrün, rote ledertasche mit langem riemen, droht ihr von der schulter zu rutschen, ist was schweres drinn. sie hatte bemerkt das ich sie musterte und sagte "ach ja..", dann holte sie aus der tasche einen gartenzwerg hervor. "soll ich dir geben", hauchte sie, "ist übrig geblieben!". ich zögerte den schmutzigen kerl entgegenzunehmen. wenn er mir in der hand wieder lebendig wird? aber sie hatte ihn mir schon in die hand gedrückt und sagte "zum einzug!. stell ihn auf, wo du willst". als ich weiter auf der türschwelle verharrte, ohne sie reinzubitten, zupfte sie mich am ärmel und sagte, "komm endlich, wir gehen jetzt rüber und sehen das du vorankommst, du bekommst noch ärger, der hausmeister will den schlüssel, ich habe ihn eben vor der tür getroffen. dein zimmer ist vermietet und du sollst raus!". mich hielt ja nichts hier, garnichts, "also gehen wir", sagte ich und sie hakte sich unter, wippte mit dem sonnenschirm und ich trug den zwerg unter dem arm.

"soll ich dir geben", hauchte sie, "ist übrig geblieben!"




Samstag, 6. Juli 2013

56. fortsetzung "nirgendwo"


der traurige gedanke verfolgte mich, ohne das ich ihn bemerkte. zurückgeblieben legte er sich zwischen die erinnerung. er drang in verlassene räume und belegte wege, worte, gesichter. er drückte mich, zwang mich in diesen raum, den ich nicht kannte, nicht kannte, nicht kannte... das echo donnerte und ich ergab mich, auf dem rücken liegend. angst zog ein. tiere voller angst mit menschlicher mimik... wir sind schon am ende. da gibt es keine ausrede mehr. das haben wir getan. ich zwang mich, versuchte vernünftig zu denken. was ist menschlich, was ist angst. ein moment vor dem verschwinden ist angst. ich versuchte mich zu beruhigen und ich vergaß. schweißnaß lag ich im bett und wartete auf das ende. der tod trat nicht ein, nichts verdunkelte sich. ich versuchte die fliege zu fangen, ich wollte ihr unmißverständlich mitteilen, wir haben zu reden. aber sie war schnell und ihr irren sturzflüge dauerten. ausser der fliege war keiner hier. ich richtete mich auf und trank aus der flasche. noch war es dunkel. die vögel begannen laut zu werden, da wird auch das tageslicht bald dämmern. im wachwerden verließ ich eine welt, der ich während des schlafens angehörte. mir gelang es nicht dort zu bleiben. ich begann zu vergessen. ich klammerte mich an ein einzelnes bild, ein hotel, ich packte die koffer, die anderen waren schon abgereist und ich versuchte ihnen zu folgen. ich stieg auf einen berg, ich war im schnee, die tür einer halle stand offen und ich trat heraus, da war niemanden mehr. ob ich nun wach war oder schlief machte jetzt keinen unterschied mehr. draußen scheppern flaschen. ich drehte den kopf und merkte, das die schemel vor dem bett immer noch vollgeladen waren. schriften und bücher. flaschen und aschenbecher. die tatsachen lagen bereit und ließen mich sterben. die zeiger waren tatsächlich um den punkt gekreist und ich bekam eine zeit, und wenn ich gefragt hätte, sicher auch den punkt auf dem ich verharrte. der traurige gedanke trennte mich, er legte sich wie eis über die leitungen, er baute glas zwischen mich und die vergangenen tage, stunden, minuten, sekunden, ... ich blätterte eine illustrierte. ich wurde in dem artikel nicht erwähnt, kein bild von mir erschien in dieser geschichte, ich betrachtete frau dürr. familie könig stand im garten, kleinkerl mit der krone, aber ich war dort nicht. das unbehagen, das ich nach dem erwachen empfand, ließ auch nach dem aufstehen und dem kaffee nicht nach. ich bin verdammt, jeden tag in dieser elenden kammer aufzuwachen, und mit dem gefühl fertig zu werden, ich wäre ein anderer, fürchtete ich. ich blätterte weiter in den illustrierten. ich war dort, als ich mit kleinkerl unterwegs war. ich hatte mir den rückweg verbaut. ich starb in den tag hinein, nahm maskenhafte züge an. ich hatte nur noch eine vage ahnung, und glitt mit dem klang der versammelten instrumente in den tag, der nur eines verhieß, geschäfte. ich war gestrandet wie ein wal. allmählich ordnete ich mich ein. alles was ich tuen konnte war, zu antworten und zu grüßen. ich wartete auf ein signal, einen zusammenbruch. aber nichts geschah. trommeln und pfeifen vermochten es nicht, die gitarre vermochte  es nicht, ich blieb allein und sah hinauf. ich konnte aber nicht hinauf. kleinkerl würde mir sicher ein lasso zuwerfen, aber der schlief. eigentlich sollte ich neben ihm liegen, unter der nebeldecke. ich saß in der unbehaglichkeit fest und flügel wollten mir nicht wachsen. es hing jetzt alle davon ab, das ich den rückweg fand.


"ich hatte nur noch eine vage ahnung,
und glitt mit dem klang der versammelten instrumente in den tag,
der nur eines verhieß, geschäfte!"


Mittwoch, 3. Juli 2013

55. fortsetzung "nirgendwo"


wild geworden, schüttete der maler die farbe aus. er schlug mit den pinseln nach ihr, gebrauchte einen nach dem anderen und schmiß sie durch den raum. er war zornig und schämte sich. warum hatte er sich darauf eingelassen, mit dem buchhalter die reisekammer zu benutzen. der buchhalter, der vorgab den maler zu schätzen, der bisher ein fleissiger sammler war, kabinett um kabinett hatte er eingerichtet. einige der maler, deren bilder dort abgestellt waren, sind über die zeit hinausgegangen, sind nicht mehr zu finden, wohl verblichen oder irgendwo verborgen. wenn er über sie sprach, von ihnen erzählte, sprach er ohne unterschied von dem maler, ohne sie beim namen zu nennen. da konnte der eindruck enstehen, das er von ein und demselben sprach. er hatte schon vielen malern ein kabinett eingerichtet. über den hühnerstall zu erreichen, reichten sie in den untergrund. ohne kenntnis des weges konnte man sich dort verlaufen. wie konnte der buchhalter ihn nur so mißverstehen und berauben. er hatte ihm entwürfe, übungen, ganze mappen voller zeichnungen abgenommen, ihn gelobt und ein eigenes kabinett versprochen. der maler hatte ihn eingeweiht, die  gründe geteilt und vom sinn überzeugt und dann?, dann hat der buchhalter beschlossen, nein, er sagte ja, es wäre ihm plötzlich eingefallen, die idee, da war es schon fast fertig, im kopf, die vorstellung davon, eine kammer zu bauen, mit der man reisen konnte, ohne das man den raum, den man bereisen wollte, vorher mit einer signatur beschrieb, die es ermöglichte ferne, verborgene, vergangene und kommende orte aufzusuchen. alles was er dazu brauchte war die formel, auf die ihn die signaturen des malers brachten. damit war das ende, der geheimen pinselreisen eingeläutet. das reisen wurde wirklich und gemein. jeder konnte nun mit dem kursbuch und der uhr und dem einfachen öffnen der türen zum gewählten ort gelangen. als der buchhalter, mit dem bau der ersten reisekammer beinahe am ziel war, hatte er den maler aufgesucht und ihm davon berichtet. er wollte  sich mit ihm austauschen, sah in sich einen kumpanen, ja selbst einen künstler. er lud den maler ein, die kammer anzusehen. da der maler darauf einging, glaubte er damit sein einverständnis zu haben, und sah ihn gleichen sinnes. was folgte ist bekannt. die kammer funktionierte bei ihrem besuch nicht wie gewollt. sie wurden verkleinert und landeten am fliegenfänger. der buchhalter, mir aus der hand gefallen, kaum wieder gewachsen, fuhr fort, bestellte die inspektoren und der maler trieb mich, mir ihm im ohr sitzend, die verfluchte kammer zu benutzen, da er sonst nicht dahin kam, wo er hilfe erhoffte.  wie hätte er denn klein wie eine fliege den pinsel schwingen können. mit hilfe des schülers, dann aus dem ohr gestiegen und davongelaufen. seit dem hatte er gehadert. den lehrern und meistern der signaturen hatte er erzählt, was der buchhalter beabsichtigte. aber die störten sich nicht an den kammern, einige lobten sie schon. "warum nicht auch diese möglichkeit, das spart farbe und zeit und ärger",sagte einer der lehrer, womit er wohl kleinkerl meinte, der oft mit seiner taschenlampe geheime signaturen, auch mitten ihm unterricht, in den raum brachte, auf denen er abhaute und wochenlang vermisst blieb. auch die schüler hätten es leichter, zum unterricht pünktlich und am richtigen ort zu erscheinen. der maler war der einzige geblieben, der die reisekammern verdammte, zu gefühllos, zu dumm war ihm diese art zu reisen. er hatte ein streitschrift mit dem titel "liebhaber und profiteure" verfasst, die er aber nicht zur veröffentlichung brachte. der buchhalter tat so, als seien die einwände des malers nicht vorhanden. er sicherte sich das patent und fuhr fort, allen die es wollten, reisekammern einzurichten. frau dürr war die erste, die er überzeugt hatte. sie war froh das gerümpel loszuwerden, das ihre mieter in den kellern stehen ließen, wenn sie gingen. nun waren die räume frei und begehbar. nach der panne hatten die herbeigerufenen inspektoren, die rhabarberinnen, den fehler gefunden und behoben. nichts sollte dem reisen mehr im wege stehen. die schläfer und die wachgebliebenen hatten sich versammelt und verabschiedeten die rhabarerinnen, lana und tipsi. die zwerge waren schon im schiff. frau dürr deckte den tisch und legte drei gedecke für die abwesenden mit auf. "wo ist kleinkerl?", fragte gertrude und frau dürr bedauerte, den maler heute nicht kennnenzulernen, den der buchhalter entschuldigte, der maler wäre in einer krise, gab er an. mich bedachte er dann auch noch, "ich hoffe, das er bald wieder da ist, der junge!", wobei er frau dürr beobachtete, der die augen feucht geworden waren, und dabei die für mich gedeckte gabel in die hand nahm, mit den zinken auf den fliegenfänger deutete und lachte.

"....wobei er frau dürr beobachtete,
der die augen feucht geworden waren,
und dabei die für mich gedeckte gabel in die hand nahm,
mit den zinken auf den fliegenfänger deutete und lachte."


Sonntag, 30. Juni 2013

54. fortsetzung "nirgendwo"


gertrude, deren frisbeewurf untrennbar mit der ankunft der rhabarberinnen verbunden bleibt, war auch nicht mehr im bett und sie war nicht die einzige. frau dürr war wach und frau könig saß schon seit stunden im bad, wo sie ihre trockende gesichtsmaske im spiegel beobachtete, wie sie risse bekam. frau dürr saß über ihren büchern und blätterte nach den dazwischen gelegten gepressten trockenen pflanzen, sann nach, wo sie diese denn geflückt hatte, sann nach einem gesicht, als sie ein edelweiß fand, das sie einmal zwischen daumen und finger hingehalten bekommen hatte, das ihr der liebhaber geradezu ins herz pflanzen wollte, was sie aber verhindern konnte, ja, sie hatte ihn abgewiesen, war sie sich sicher, und das edelweiß behalten, ja so ist es. so vertieft bemerkte sie nicht, was im garten im gange war, da sowieso unruhe war, die sie der anhaltenden inspektion anlastete. es wäre ihr auch nicht in den sinn gekommen, das ausgerechnet ihre gartenzwerge, von tipsi verursacht, aus einem missverständnis heraus, die starre form getauscht hatten und sich nun sehr lebendig zeigten. getrude aber sah zu, denn sie stand hinter dem fenster zum garten im parterr und beobachtete wie es heller wurde. die zwerge trieben gerade ein derbes spiel. spatzenfüttern. sie streuten brotkrumen auf ihr mächtiges glied und liesen die spatzen darauf platz nehmen, die zu picken begannen. wer dann einen laut von sich gab, hatte verloren. getrude errötete und ließ die gardine fallen. was hatte sie gesehen? da schaute sie nocheinmal hinaus und fand das treiben fürchterlich. die spatzen hatte sie doch auch immer gefüttert und die zwerge waren bisher eine lustige albernheit in frau dürrs garten. sie wollte nicht mehr hinsehen und setzte sich auf ihr bett und grübelte. das konnte nicht in ordnung sein, zu bett geschickt zu werden und draußen geschieht fürchterliches. "aber deshalb solltest du doch schlafen, bis haus und garten wieder in ordnung sind", hörte sie lanas stimme, ohne das die rhabarberinn anwesend war. inzwischen hatte auch frau dürr gemerkt, das in ihrem garten etwas nicht in ordnung ist. obwohl es die anweisung gab, die inspektion nicht beobachten, sondern schlafend abzuwarten, bis der weckruf kommt, ging sie ans fenster, um nachzusehen. sie fackelte nicht lange, als sie die unanständigen kerle sah. mit bloßen händen, sie hielt die arme während sie rannte weit über den kopf, zum ausholen bereit, schlug sie, als ankam einfach dazwischen. die spatzen hatte sich schon davongemacht, und sie packte sich einen am arm und schleuderte ihn in die hecke. die andere waren schnell davon gerannt und versteckten sich. den zwerg in der hecke packte sie und hielt an den haaren in die höhe. "du lump, wie kommst du in meinen garten?" er flehte sie an, "aber wir sind doch schon immer da, wir sind doch ihre zwerge, sie haben uns doch immer abgespritzt mit dem schlauch, nach dem winter, damit wir im frühjahr wieder glänzen! frau dürr erkannte ihn nun wieder, einen ihrer liebsten zwerge. "wer war das?" schimpfte sie und sah sich um, ob eine der rharbarberinnen in der nähe auftauchte. "soll das die inspektion sein", fragte sie sich, "die treiben doch unsinn, darauf hätte ich mich nicht einlassen sollen" und sie ging ins haus, den zwerg am zwickel, um jemanden zu rede zustellen. es traf sich, das lana und der buchhalter, noch ihm gespräch, gerade aus dem keller kamen. "was soll das?", sie hielt lana den zwerg entgegen und sah den buchhalter erbost an. "das war tipsi, und ich habe schon mit ihr gesprochen", antwortete lana. der buchhalter erklärte, tipsi hätte festgestellt, das im garten unrecht gehandelt worden war, die zwerge hielt sie irrtümlich für gebannte, sie war nicht im bilde, das sie bloß nachgeäffte abbilder aus tonscherben sind, und so wäre ihr das naheliegenste gewesen, den bannspruch sofort aufzuheben, was ihr zwar nicht gelang, sie sich das aber so erklärte, das hier ein ihr noch unbekannter bannspruch wirkte und so hat sie statt aufhebung, ihrerseits das recht auf schöpfung wahrgenommen, rhababerinnen können nicht gebären, sondern sie erschaffen, was ihnen lieb ist, sie hatte sich also vorgestellt, wie aus den figuren, lebendige ungezwungene wichte werden sollen und sie damit erschaffen. die scherben hat sie verschwinden lassen. "aber, sie können hier nicht bleiben, auf keinen fall!", sagte frau dürr, "wenn sie die wichte wollte, soll sie auch einen platz für sie finden. lana beruhigte frau dürr einfach mit ihrer sanftheit "sie wird sie mitnehmen" antwortete sie. lana streckte frau dürr ihre arme entgegen und griff sich den halbnackten zwerg, zog ihn an die brust und sagte "ich bring ihn eben mal zu tipsi und sage ihr, sie soll die anderen suchen, denn wir werden bald reisen". 

"die zwerge trieben gerade ein derbes spiel. spatzenfüttern." 



Mittwoch, 26. Juni 2013

53. fortsetzung "nirgendwo"


die ladestation war erschöpft. kleinkerl hatte sie geplündert. seine lampe war unersättlich. im letzten moment sprang er  an land. die station verabschiedete sich ohne trara mit dem unwirschen gezwitscher, aus dem schnabel des schwanes, der sie begleitete. kleinkerl steckte die lampe in den sack und schnallte ihn um. "wenn ich umkehre, wie lange dauert es, zurück?". "umkehren geht nicht, zurück geht nicht", sagte er und sah an mir vorbei, blieb stehen, sah nach unten und sah mich nach einer weile doch an, "wenn du zurück gehst, endet die allee bald und du fällst in den abgrund", sagte er ruhig, "es geht nur voran". "aber wie weit und wohin, ich wollte zurück und du hast mich auf diesen weg gebracht, aber der führt nicht zurück". "sag ich doch, zurück geht nicht", beharrte er, ohne auf den vorwurf weiter einzugehen. wir gingen weiter und ich dachte, "es wird wohl besser sein, wenn ich mir keine hoffnung mehr mache bald heimzukehren". da fiel mir ein, "wenn die rhabarberinnen schon abgereist sind, vielleicht führt sie dann ihre nächste inspektion hierhoch, immerhin ist das ja auch nicht in ordnung, was kleinkerl da treibt". der gedanke machte mir mut und ich wollte schon ein lied summen, eins das ich auf die rhabarberinnen gedichtet hätte, da kam  uns eine gestalt entgegen, die schon von weitem nicht die holde sein konnte, zu traurig schlürfte sie dahin, in die kutte gehüllt, am stabe, blind und sie hielt die hand zum betteln ausgestreckt, die ganze zeit, obwohl keiner da war der etwas geben könnte. als der bettler fast bei uns war, sah ich das die ausgestreckte hand ein großes rundes loch hatte. "der arme", sagte ich zu kleinkerl, "selbst wenn man ihm etwas gibt, fällt es hindurch".der bettler ging vorbei, als bemerke er uns nicht. ich sah ihm nach und wollte ihm nachrufen. wenn es stimmte, daß die strasse nicht zurück führt, wieso war er nicht längst hinabgestürzt. log kleinkerl mich an? ich wollte es wissen und drehte mich um. "laß das nur", sagte kleinkerl, "du bist nicht er, du wirst nicht weiterkommen, als bis zum zehnten baum. aber bitte halt die augen offen und dreh am abgrund um". ich wollte es nachprüfen. als ich zum zehnten baum kam, sah ich den bettler nicht mehr. ich hatte die strasse im auge behalten. sie endetet tatsächlich, als wäre sie abgebrochen. da unten war nichts zu sehen. kein gewand, das den abgestürzten umflattert, es war alles schwarz. ich drehte mich wieder um und erschrak vor dem bettler, der mich direkt in die augen sah. wie das? er hielt mir die hand so fordernd entgegen, das ich eine münze aus der tasche kramte und sie ihm in die hand gab, wo sie durch das loch fiel, endlos lange fiel. er hielt mich die ganze zeit im auge und so warf ich noch eine münze, und noch eine, da schaute ein wiesel aus dem loch und hielt eine münze im maul. der bettler verwandelte  sich in einen schwarzen schwan. das war der zweite schwan heute, er flog aber anders, er flog mit kräftigen schlägen ganz ruhig davon. ohne noch einmal nach unten sehen, ging ich zu kleinkerl zurück. als wir ein weile gegangen waren, rückten die bäume zusammen und das straßenpflaster endete. die allee war nun ein fußweg geworden. "es ist nicht mehr weit", sagte kleinkerl, "man kann sie schon hören". das erste was ich hörte, war das rauschen in den pappeln, in denen es bisher ja totenstill war. dann schien es, als unterhielten sich viele durcheinander. es war aber niemand zu sehen. und als das durcheinanderreden ebenso plötzlich endete, folgten andere klänge, wie wolken, es murmelte, oder raunte, da jammerte es, dann eine hüstelnde wolke, so ging das eine ganze weile, ohne das etwas geschah. "wir sind da", sagte kleinkerl und gab der letzten pappel einen klapps. "wo sind wir? ich sehe nichts". hinter den letzten bäumen wabberte nebel. kleinkerl faßte mich und wir stiegen in die wiese. der nebel war nicht feucht und kühl war es auch nicht. kleinkerl zog mich plötzlich zu boden und wir lagen beide auf dem rücken im gras, mit der nasenspitze unter der nebeldecke. 

"er hielt mir die hand so fordernd entgegen,
das ich eine münze aus der tasche kramte
und sie ihm in die hand gab, wo sie durch das loch fiel"




Freitag, 21. Juni 2013

52. fortsetzung "nirgendwo"


"laß uns ein zelt aufschlagen. es wird immer kälter und die pappelallee will nicht enden. ich hab' schon versucht, sie mit wellpappe zuzunageln. ich habe dir gesagt, schau, hier ist die welt mit brettern zugenagelt. du hast sie wieder aufgebrochen!". "jetzt jammer nicht!", sagte kleinkerl und schupperte mir die rückenkuhle. ich drückte ihn an mich und wir standen versonnen unter den sternen, die aus ihrem nebel fielen und uns entgegen. "also zelten wir?" kleinkerl bejahte und suchte nach einem platz. "wir müssen an den strassenrand, sonst zertrampelt uns der wilde reiter". "na, er wird's wohl wissen", dachte ich und schaute mich auch um. da sah ich einen platz neben der strasse, zu dem eine planke hinüber führte. "ah, das rasenschiff", sagte kleinkerl, "das soll es sein; vorsichtig über die planke, sonst zappelst du bei den fischen!". "das habe ich schon hinter mir, unter uns ist nichts, kein fisch, garnichts, halt mich nicht für dumm". "mach dir nur mut", sagte kleinkerl "aber fang nicht an zu pfeifen, das kann ich nicht vertragen". wir schafften es über die planke und ich saß erschöpft auf der wiese. "seltsam", sagte ich, "es scheint hier viel wärmer, als eben noch auf der strasse". "kann sein, kann nicht, mein pelz ist nicht so empfindlich. komm rein". er schlug die plane zur seite und ich krabbelte hinein. "kleinkerl, wo bin ich denn jetzt?", denn ein zelt war's nur von außen. kleinkerl hatte es so eingerichtet, daß es aussah, wie ein zugabteil. er grinste, "ab in den süden, der galopp wird dir schon gefallen, hier die karte, dort das geld und hier die reisegesellschaft, voila, der herr mir kinnbart will am ende noch weiter, die dame hier, im kostüm verharrend, trotz steigender temperatur, wird sich beim schlafen in eigenartige stellungen begeben, keine zweideutigkeiten bitte!, und etwas spät, aber noch rechtzeitig, die junge weltenbummlerin". dann war kleinkerl von der bildfläche verschwunden, kam aber einen moment später zurueck. "und hier, voila, die besetzung für die rückreise, eine familie komplett, fünf, zwei halbwüchsige, mädchen um die zehn, vater, mutter, viel gepäck". "lass das doch jetzt mal sein, kleinkerl, ich will jetzt, daß die alle verschwinden, und wir endlich zum schlafen kommen, schmeiß die leute raus, oder besser, laß sie gehen!". "na gut", sagte er, "aber ich hätte dich schon gern auf die reise geschickt". "sind wir bereits", sagte ich, legte mich auf die matte und hörte ihn noch murmeln, als ich einschlief. ich ging an wasserstraßen entlang. jemand mußte die planke entfernt haben. ich sah die allee nicht mehr. "kleinkerl! wir treiben ab!", rief ich. er rieb sich die augen und wunderte sich. "die planke ist fort", bemerkte er, "wir treiben ab". ich sah ins gleisende licht des sterns, dem wir entgegentrieben. "wie kommen wir davon?" "das kommt darauf an, am besten du hilfst mir, meine taschenlampe ist leer und ich kann kein lasso werfen. kannst du nicht nachsehen, ob in deinem dritten auge, etwas energie zum laden übrig ist?". "ich versuche es", sagte ich, aber als ich die lichtringe wabern sah, fand ich ungewohnter weise darin eingebettet, gemalte bilder hindurch ziehen. so lang ich auch wartete, außer der kunst, befand sich dort nichts zur zeit. kleinkerl wartete ab. da knallte eine peitsche. "der wilde reiter", rief kleinkerl, "das trifft sich!". und wirklich, das traf sich, was für ein bild, hinter ihm schwang sich im tutu das mädchen abwechselnd mit dem reiter, unter dem pferd hindurch, warf dabei zettel ab. "ross und reiter fest ist bald" kleinkerl pfiff und ross und reiter stoben heran. das pferd stieg auf und schnaubte, schäumte. der reiter warf ein seil herunter und wir vertauten unser grasschiff, damit er uns ziehen konnte. weit waren wir abgetrieben, denn es dauerte, bis die pappelbäume wieder auftauchten. wieder angedockt, waren wir nahe genug heran, das wir über den abgrund springen konnten.  wir standen wieder auf der allee. das zelt brauchten wir gerade nicht, also ließen wir es dort. kleinkerl meinte "ich geh' jetzt mal aufladen, deine lichtringe waren voller kunst, kam nicht dazwischen, konnte nichts anzapfen, muss heranwinken. siehst du die hellen fünckchen? spring hoch und fang einen!". ich fing ihm einen und er konnte entziffern, wer ihn hergeschickt hatte. eigentlich soll man sie nicht auf's geradewohl vom himmel pflücken, aber kleinkerl konnte sie aus der ferne nicht entziffern. ich musste noch einige punkte fangen, bis kleinkerl überzeugt war, den richtigen zu haben. die nicht gebrauchten warf ich zurück in den höhe, wo sie kurz innehielten, sich einen ruck gaben und wieder ihren alten platz einnahmen. inzwischen war die ladestation angetrieben und machte sich mit gleissender lichtorgel bemerkbar, nachdem sie angedockt war. kleinkerl ging die taschenlampe aufzuladen.

"der reiter warf ein seil herunter
und wir vertauten unser grasschiff, damit er uns ziehen konnte. "





Donnerstag, 13. Juni 2013

51. fortsetzung "nirgendwo"


nach jeder signatur wurde gemessen. "ha! schon wieder im stall gelandet" oder "was willst du den in der kirche?" oder "in dem bett hast du nichts zu suchen!". trieben sie es zu weit, nahm ihnen der lehrer die farbe fort und sie konnten nur noch zusehen. eine signatur führte zu einem einsiedler, den der  teufel besuchte, deshalb ja, aber das wußte der einsiedler nicht. die signaturen nutzen die teufel von beginn ihres erscheinens an. nichts ist dem teufel fremder, als eine öffentliche strasse zu benutzen. sie übertreffen sich in der wahl verschlungener pfade, auf denen sie ohne langeweile, mal hier und schon wieder dort, erscheinen können. obwohl die signaturen nur in dem raum, den der pinsel erreichen kann, ohne erneut farbe aufzunehmen, erscheinen, gelten sie doch darüber hinaus. einmal betreten führen sie weiter. sie sind wie alleen hoch über dem grund, wie stege an den wolken vorbei, auf denen langsam gegangen wird, eile ist nicht von nöten, den der raum bewegt sich unter dem pfad hindurch, ja, der pfad ist ein ruhiger sicherer ort, der zum verweilen einlädt. bleibt man stehen, erscheint auch der raum unbewegt. der weg kann auch hinaus in die sterne führen, selbst dann bleibt die allee gesäumt von den bäumen und die stege behalten ihre handläufe. manchmal geht es durch treppenhäuser. die stunde war vorbei und der lehrer sammelte die farbeimer ein. "geht und kommt wieder", verabschiedete er die schüler und wies auf den ausgang, den wir nacheinander betreten sollten. zum heimkommen genügte es "nach hause!" oder "zurück!" zu sagen und dann die glocke abzuwarten. ich hatte während der stunde nur einmal den pinsel eingetaucht und beim malen merkte ich, wie schwer es mir fiel, die vorgedachte bewegung, wirklich auszuführen. mir gelang ein viertel radius, dann rutsche der pinsel stotternd ab und war plötzlich so langsam, das er tropfte. der lehrer lobte mich trotzallem, obwohl ich glaubte nichts ereicht zu haben. "doch, das ist schon ein weg", sagte er, "sogar ein versonnener, du kommst an den teich zu den enten damit, zum füttern". ausprobieren durften wir die wege nicht. vor der tür der reisekammer standen die teufel schlange. kleinkerl knuffte mich, "willst du mit? ich kenne einen besseren weg. ist doch langweilig mit den türen. kann ja jeder reisen. und sieht nichts. erlebt nichts. tür auf tür zu". ich wollte schnell zurück. "ob die rahaberinnen schon fertig sind? und wenn sie abgereist sind? oh nein". ich mochte sie noch einmal sehen. kleinkerl merkte, das ich am liebsten zur tür gestürmt wäre und vielleicht hätten die teufel mir sogar vortritt gelassen, denn liebesgeschichte rührten sie sehr. also versuchte er mein vertrauen in den weg durch die reisekammer zu erschüttern, indem er sie schlecht machte. "du hast ja selbst gesehen", sagte er mit bedenklicher ernster miene, "du hast doch den maler gesehen, ganz klein und nackt hat er in deinem ohr gesessen, was meinst du warum? der buchhalter hat ihm die reisekammer vorführen wollen und das ding war kaputt. statt zu reisen gings im sturzflug in frau dürrs gute stube, immer kleiner, immer kleiner, und dann klebten sie schon am fliegenfänger". das hatte der maler mir nicht erzählt. wäre aber denkbar. kleinkerl nutzte meinen aufkommenden zweifel an der zuverlässigkeit der reisekammer und griff in die tasche. er hatte eine taschenlampe in der hand. er zwinkerte mir zu und prahlte, "weisst du, ich brauche keine farbe. ich mach das mit licht". er fasste die lampe mit beiden händen und schwang sie durch die luft, wie eben die pinsel. es blieb aber nichts sichtbares zurück. "braucht's auch nicht", erriet er meinen gedanken. "es reicht, daß ich es mir gemerkt habe. ich habe ein gutes gedächtnis und ein empfindliches auge". er hatte mich an die  hand gepackt und zog mich mit einem ruck auf die lichtspur. da waren wir auf einer pappelallee. es pfiff ein wind und blätter wehten herab. "wird herbst sein hier", murrte kleinkerl und wickelte sich den schal um den hals. "du meinst, wir kommen hier zur pension zurück". "na klar, mache nur einen kleinen umweg. hab' letzes mal was liegen lassen. mal sehen ob noch da ist". da der mond aufging und kleinkerl mir einen mantel besorgte, fand ich es nun doch schön hier zu spazieren.

"da der mond aufging
 und kleinkerl mir einen mantel besorgte,
fand ich es nun doch schön hier zu spazieren."